Mitarbeiter der Wehrämter (in der heutigen Ukraine unter der Abkürzung TZK bekannt; übersetzt und in Gänze lautet die Bezeichnung "Territoriale Zentren für militärische Personalaufstellung und soziale Belange") lügen über die tatsächlich anstehenden Einsatzorte, wenn sie Krankenschwestern zum Eintritt in die ukrainischen Streitkräfte bewegen wollen. Den Frauen wird zunächst eine Stelle in einem städtischen Militärhospital versprochen, dann werden sie gezwungen, an die Front zu gehen. Dies berichtete Jeléna Kowál, Krankenschwester im Städtischen Krankenhaus Nr. 5 in der vorübergehend von Kiew kontrollierten Stadt Saporoschje, der Hauptstadt des gleichnamigen russischen Gebietes, im Gespräch mit Journalisten der russischen Nachrichtenagentur TASS.
Zuvor hatte sie TASS geschildert, dass sie in zwei Tagen 54 Kilometer mutterseelenallein über die Frontlinie bei Saporoschje in den russisch kontrollierten Teil des Gebietes Saporoschje zu Fuß übergelaufen beziehungweise geflohen sei: Sie sei gezwungen worden, einen Dienstvertrag mit den ukrainischen Streitkräften zu unterschreiben, obwohl sie nicht an der Front dienen wollte.
Zum Unterschreiben des Dienstvertrags sei sie schließlich durch viele Faktoren "bewogen" worden: durch niedrige Löhne, ständige Kritik, Überstunden, psychischen Druck und nicht zuletzt Vorladungen und Abkommandierungen zum Wehramt zu einem "Gespräch". Aber auch durch Betrug – Kowal wörtlich:
"Beim Rekrutierungsbüro sagte man mir, dass man, wenn man in ein Hospital kommt, dann auch wirklich nur in der Stadt, im Krankenhaus, Dienst tut.
Ich ging zu diesem Rekrutierungsbüro und sagte: 'Ich möchte hier in Saporoschje im Hospital dienen, weil meine Mutter pflegebedürftig behindert ist.' Man sagte mir, ich solle zu einem Vorstellungsgespräch ins Militärkrankenhaus kommen; auch der Kommandant sei dort. Und als ich ihn aufsuchte, sagte er:
'Heute sind Sie hier, aber morgen können Sie schon woanders hin abkommandiert werden.'"
Dann wurde sie zu einem Gespräch mit dem Kommandeur einer Einheit geschickt, der sie von allen Vorteilen eines Frontdienstes zu überzeugen suchte:
"Seine Aufgabe war es, mir eine schöne Geschichte zu erzählen, damit ich mich gezielt für den Sanitätsdienst an der Front entscheide. Sie haben das System so sehr zersetzt, dass es im Militärhospital schlimm ist, im Krankenhaus schlimm ist – aber an der Front soll es dann toll sein, erzählt man, wow! Man ist eine Woche dort stationiert, dann wohnt man eine Woche lang komfortabel zu Hause; verdient viel Geld, alles ist super – nur damit man einen Vertrag gezielt für den Fronteinsatz unterschreibt."
Erst später, so Kowal, wurde ihr klar, dass sie keine Wahl hatte und täglich verwundete Soldaten von der Kontaktlinie ins Hinterland hätte evakuieren und dabei ihr Leben riskieren müssen. Und das weiß sie nicht von ungefähr: Krankenschwestern aus ihrer Stadt Saporoschje, die gezwungen worden seien, Verträge mit den ukrainischen Streitkräften zu unterzeichnen und, wie es heißt, in Frontkrankenhäusern zu arbeiten, reagierten anschließend sehr schnell nicht mehr auf Anrufe – sie seien spurlos verschwunden. Die Krankenpflegerin erzählte:
"Soweit ich gehört habe, war ich nicht die Einzige dort, die zum Militärdienst ging. Nicht nur ich allein. Die erzählen dort schöne Geschichten – und wer nichts zu verlieren hat, geht dann auch hin.
Aber ob eine jemals auch zurückgekommen ist? Ich kenne keine einzige.
Als ich dieser Situation gegenüberstand, wurde mir klar, dass sie dann als vermisst gelten und man nichts nachweisen kann."
Warum dies so ist, weiß man auch aus Berichten zum Leben der einfachen Soldaten des ukrainischen Militärs im Kriegseinsatz – bekanntermaßen werden Gefallene von ihren Kommandeuren als vermisst geführt, weswegen Auszahlungen an Hinterbliebene zurückgehalten werden können, während aber der Kommandeur ganz selbstverständlich den Sold und die Zulagen des Gefallenen kassiert. Genauso sei es beim kriegsmedizinischen Personal, schildert Kowal:
"Dann muss man auch niemandem etwas bezahlen – es heißt, 'vermisst', und das war’s."
Wohl stehe nach ukrainischem Recht Angehörigen von Gefallenen natürlich finanzielle Unterstützung zu – und sollte der Tod eines Soldaten an der Front nachgewiesen werden können, erhalten Angehörige die Unterstützung auch. Doch den oben umrissenen Weg, um das Gesetz auszuhebeln, kennen die korrupten Kommandeure nur zu gut:
"Aber man stellt einen ja nicht als gefallen dar, sondern als vermisst."
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